Drachenfeuer

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1.Die Glückskette (25.10.04)
2.Die schwarze Träne (25.10.04)


Die Glückskette

Die ganze Welt war grau und traurig. Vor ein paar Tagen hatten die Ferien begonnen. Tinas Mutter hatte ihren Bruder Sven zum Bahnhof gebracht, weil er für drei Wochen nach England in den Sprachurlaub fahren sollte. Auf dem Rückweg passierte es: Tinas Mutter wurde von einem Auto angefahren, kam ins Krankenhaus und musste operiert werden.
Tina durfte ihre Mutter nur kurz besuchen, dann wurde sie von einer Tante abgeholt, die sie überhaupt noch nie gesehen hatte. Sie hieß Gundula und sie war schrecklich. Tante Gundula war immer schlecht gelaunt und hatte an allem, was Tina tat, etwas auszusetzen. Außerdem lebte Tante Gundula in einem winzigen Dorf. Tina hätte das Haus vielleicht romantisch gefunden, wenn es nicht so kalt und ungemütlich gewesen wäre.
Das Schlimmste war Tante Gundulas Sohn. Erik war zwei Jahre älter als Tina und sie hasste ihn von ganzen Herzen. Er kratzte sich alle zwei Minuten am Kopf, schlürfte ganz eklig beim Trinken, knallte immer mit den Türen zu und behandelte Tina wie Luft. Er Tante Gundulas Augapfel: „Erik, du bist der Beste!“, sagte sie immer. Oder: „Erik, wenn ich dich nicht hätte!“ Erik besaß ein Handy, aber Tine wollte nicht darum bitten, heute war ein besonders trüber Tag: Es regnete, Tante Gundula war in die Stadt gefahren und hatte Tina nicht mitgenommen. Eriks grässliche Musik dröhnte durchs ganze Haus. Tina floh in den Keller. Sie nahm eine Kerze mit, weil die Lampe im Keller kaputt war. Eigentlich gab es da unten nichts zu sehen, außer leeren Kisten und rostigen Konservendosen. Der Putz, der von den Wänden bröckelte, blieb in den Spinneweben hängen – ebenso wie die toten Spinnen der letzten hundert Jahre. In einer besonders dunklen Ecke blies ein Windzug die Kerze aus. Tina blieb einigermaßen ruhig: Sie ertaste sich mit Händen und Füßen den Rückweg im Dunkeln. Doch da umschloss etwas Kaltes ihr Handgelenk!
„Erik, du mieses Schwein! Lass mich sofort los!“ – „Ich bin nicht Erik“, wisperte eine dünne Stimme. „Ich bin Luise.“ – „Ich kenne keine Luise!“ – „Ich habe etwas für dich. Hier nimm: Mir hat diese Kette immer Glück gebracht!“
Tina spürte, wie Luise ihr etwas in die Hand drückte, krallte ihre Finger um den Gegenstand, stolperte durch den Keller und rannte die Treppe hoch. Oben angekommen drehte sie den Türschlüssel dreimal herum. „Es wird immer schlimmer“, stöhnte sie. „Wann hört das bloß auf?“ Sie öffnete die Hand und fand eine zierliche Halskette darin: mit Perlen und einem spiralförmigen Anhänger. Im oberen Stockwerk knallte Eriks Tür. Auch das noch! Tine legte die Kette um ihren Hals. Wenn diese Kette wirklich Glück brachte, dann würde sie jetzt von Erik verschont bleiben.
„He Tina“, rief Erik. „Deine Mutter will mit dir sprechen. „ Erik kam die Treppe runtergeflogen und gab Tina sein Handy. Sie konnte es kaum fassen! Sie erfuhr, dass sie n einer Woche wieder nach Hause kommen konnte. Es war, als würde auf einmal die Sonne scheinen. „Und?“, fragte Erik, als Tina aufgelegt hatte. „In einer Woche kann ich nach Hause.“ – „Gefällt es dir nicht bei uns?“, grinste Erik. Tina wusste nicht, was sie sagen sollte. Also fragte sie: „Wer ist Luise?“ – „Unsere gemeinsame Urgroßmutter. Sie ist schon lange tot.“ – „Aber ich hab sie im Keller getroffen!“ „Ja, das kommt vor.“ Erik grinste noch weiter als vorher und kratzte sich am Kopf. „Willst du mehr darüber wissen?“ Das wollte Tina. Sie erfuhr, das Luise harmlos im Keller herumspukte. Und sie erfuhr noch etwas: Dass Erik ihr aus dem Weg gegangen war, weil sie so giftig ausgesehen hatte. Und das Tante Gundula so launisch war, weil sie um Tinas Mutter Angst gehabt hatte. Als Tina das hörte, fasste sie an ihren Hals, um die Kette zu betasten. Aber sie war weg. Tina brauchte sie nicht mehr.

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Die schwarze Träne

Es regnete und stürmte, als Agnes durch die Gassen der Unterstadt irrte. Sie suchte die Treppe zu einem Keller, dem man ihr beschrieben hatte. Vor lauter Regen in den Augen konnte Agnes kaum noch etwas sehen. Schließlich stolperte sie über einen Ast, den der Wind von einem Baum gerissen hatte. Sie fiel auf die Knie. – und da war die Treppe, die sie gesucht hatte: schwarze Stufen, auf denen weiße Punkte wie Sterne leuchteten.
Sie ging hinunter und klopfte. Die Tür öffnete sich von alleine. „Komm rein, Agnes“, rief eine Frauenstimme. „Setz dich, ich bringe gleich Tee.“ Agnes ging in den Wohnraum, der seltsam aussah. Die Regale an den Wänden liefen über von Zeitungen, Wurzeln, Kinderspielzeug und alten Radios. Agnes nahm auf einem Schaukelpferd Platz. Es war die einzige Sitzgelegenheit neben einer Leiter und einer Regentonne, die mit einer Glasplatte abgedeckt war. Während Agnes wartete, sprangen Frösche von unten gegen die Glasplatte. Vor Schreck krallte Agnes ihre Finger in die Mähne des Schaukelpferdes. Die Frau kam mit einer Teekanne und zwei Suppenkellen herein. „Möchtest du?“ Sie reichte Agnes eine Kelle mit roter Flüssigkeit. Agnes kostete – der Tee schmeckte köstlich nach Erdbeeren und Karamell.
Die Frau trug den Kittel einer Drogerie- Verkäuferin. Ihre Haare waren lila getönt und zu einem eleganten Knoten verschlungen. „Ist es der Junge, Agnes?“, fragte sie „Der mit dem großen Hund? Der dir geholfen hat, als du geweint hast, und den seitdem nie wieder vergessen hast? Obwohl du seit Monaten nach ihm suchst?“ – „Woher wissen Sie das alles?“ fragte Agnes. „Deswegen bist du doch hier“, sagte die Frau. „Weil ich solche Sachen weiß. Warum willst du ihn finden? Ganz ehrlich!“ Platsch! Wieder sprang ein Frosch gegen die Scheibe. Agnes zuckte zusammen. „Also“, begann sie. „Ich mag ihn. Ich träume von ihm es ist, als würde ich ihn sehr gut kennen.. dabei haben wir uns nur einmal gesehen...“
„Ich kann dir helfen, ihn zu finden“, sagte die Frau. „Aber es könnte dich traurig machen. Womöglich ist er anders, als du denkst?“ – „Dann will ich es wissen.“ Die Frau stand auf und kramte einen Stoffhund aus dem Regal. Sie nahm ihm das rote Samt-Halsband ab. „Hier! Zieh das morgen an und geh in den Wald. Bevor es dunkel wird, wirst du ihn finden.“ Es regnete immer noch, als Agnes am nächsten Tag in den Wald ging. Sie trug das Samtband und fühlte, wie es sie in eine bestimmte Richtung zog. Sie kam an einen Weiher, in dessen Mitte eine Insel war. Zögernd watete sie ins Wasser. Als sie die Insel betrat, wuchs dort ein schlossartiges Haus empor. Agnes zwängte sich durch die Hecke, die das Haus umgab. Schließlich sie wunderte sich über ihren Mut und ihre Unverschämtheit – kletterte sie durch ein Fenster ins Innere der Hauses. Hier war alles voller Staub. Die vorhänge zerrissen, die Stühle umgekippt, Efeu rankte zum Kamin herein. Vor dem Kamin, in einem Lehnstuhl, saß der Junge den sie gesucht hatte...
„Das bist du!", rief er freudig. Agnes bekam eine Gänsehaut. Irgendetwas stimmte nicht. „Was machst du hier?", fragte sie. Er hörte auf zu strahlen. „Ich, ich wohne hier, weißt du?" - „Hier?" Sie zeigte auf die umgestürzten Möbel. „Ja, leider. Aber du wirst mich erlösen! Hoffentlich." - „Wovon soll ich dich erlösen?" Agnes lachte, weil sie dachte, er hätte einen Scherz gemacht. Er lachte aber nicht. „Ich bin ein Gespenst", erklärte er und fuhr zum Beweis mit der Hand durch die Lehne seines Stuhls. „Ein..." Agnes holte tief Lust. „Aber damals warst du kein Gespenst!" - „Einmal in hundert Jahren darf ich nach draußen und eni echter Mensch sein. An diesem Tag muss ich jemanden finden, der bereit ist, mich zu suchen und zu erlösen. Jetzt bist du hier, aber wir haben nicht viel Zeit! Wenn du die Insel bis Sonnenuntergang nicht verlassen hast, musst du mir folgen!"
Agnes sah zum Fenster. Es war bedrohlich dunkel draußen. „Wann geht die Sonne unter?" - „Gleich!", sagte er. „Was muss ich tun?", fragte sie. Er wurde rot, obwohl er ein Gespenst war. „Du musst mir einen Kuss geben. Einen ganz kleinen nur... Beeil dich, und dann renn weg, so schnell du kannst!" Agnes überlegte nicht lange. Sie ging zu dem Jungen, den sie noch lieber mochte als beim nächsten Mal. Sie schloss die Augen und gab ihm einen Kuss. Als sie die Augen wieder öffnete, war er fort. Doch das Samtband an ihrem Hals fühlte sich seltsam schwer an - eine schwarze Träne war daran hängen geblieben. Agnes tat was der Junge ihr geraten hatte. Sie rannte nach draußen, sprang durch die Hecke und fiel ins Wasser. Ein letzter Sonnenstrahl mogelte sich durch die Wolken und tauchte das verwunschene Haus in goldenes Licht. Kaum erlosch der Glanz, verschwand auch das Haus. Agnes watete zum anderen Ufer, wo ein großer Hund auf sie wartete. Sie streichelte ihn traurig und nahm ihn mit nach Hause.





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